Geschichte des AK Religionsgeographie

Author: Reinhard Henkel (Vortrag auf der AK-Sitzung am 2.12.2022)

Der Arbeitskreis Religionsgeographie in der Deutschen Gesellschaft für Geographie ist einer der ältesten AKs in der deutschen Geographie. Nach einer mehrjährigen Pause haben sich einige jüngere KollegInnen zusammengetan und mit dieser Tagung einen Neustart organisiert. Als einer, der fast von Anfang dabei war, möchte ich einen kurzen Rückblick geben. Er ist durchaus (auch) persönlich und subjektiv.

1983 trafen sich am Rande des Geographentags in Münster, wohl auf Anregung des mittlerweile verstorbenen Manfred Büttner, einige an der Religionsgeographie Interessierte und gründeten den Arbeitskreis. Seither fanden bis 2015 auf allen 16 Geographentagen (jetzt Kongresse für Geographie) bis auf einen (Trier 2005) Sitzungen des Arbeitskreises statt. Außerdem richtete der AK in diesen 30 Jahren sieben eigene selbstständige Tagungen aus. In den 1980er und 1990er Jahren hatte der AK so etwas wie ein eigenes Publikationsorgan, die interdisziplinäre Schriftenreihe GEOGRAPHIA RELIGIONUM mit insgesamt 10 Bänden.

Auf den insgesamt 22 Tagungen von 1983 bis 2015 wurden 177 Vorträge gehalten. Ich habe deren Titel in acht Themenbereiche kategorisiert, was angesichts der großen Vielfalt nicht ganz leicht war. Zusätzlich habe ich die 28 in GEOGRAPHIA RELIGIONUM publizierten Monographien und Artikel berücksichtigt, die nicht aus den Tagungen des Arbeitskreises stammen. Den Zeitraum habe ich in 2 Teile geteilt.

Die häufigsten behandelten Themen betreffen das Verhältnis Religion zu Landschaft bzw. Stadt, wobei hier nicht nur die „religiösen Gebäude oder Artefakte“ gemeint sind, sondern auch sozialgeographische Aspekte einbezogen werden. Das Thema überschneidet sich mit dem zweithäufigsten, Religionstourismus und „Heilige Orte“. Hier fällt aber gleich auf, dass die Bedeutung dieses Themenbereichs deutlich zurückgegangen ist. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Gisbert Rinschede, dessen Hauptinteresse die Pilgerforschung bzw. der Religionstourismus war, sich zurückgezogen hat. Viel stärker als vorher ist dagegen der Themenbereich „Religion und Politik“/Konflikte in den letzten 20 Jahren behandelt worden. Das hängt sicher einmal zusammen mit den Gedanken von Huntingtons „Kampf der Kulturen“ (1996), die auch in die Geographie hineingewirkt haben, und dann mit dem 11. September 2001, der den Islam und teilweise Religion allgemein als „gefährlich“ erscheinen ließ. Hier haben also (Religions)geographen auf aktuelle Entwicklungen reagiert.

Häufigkeit der Themen im AK Religionsgeographie 1983 bis 2015

 Anzahl der Beiträge 1983  bis 1997Anzahl der Beiträge 1998  bis 2015Anzahl der Beiträge 1983  bis 2015
Religion und Landschaft bzw. Stadt123345
Religionstourismus und Heilige Orte35742
Religionswandel und Mission151833
Räumliche Verbreitung von Religionsgruppen/Religiöse Minderheiten  20    9  29
Wissenschaftstheoretisches und Allgemeines121022
Religion und Politik/Konflikte01818
Einfluss von Religion auf Wirtschaft und „Entwicklung“9110
Religion und die ökologische Frage516
 10897205

Auf eine dritte Beobachtung will ich noch hinweisen, die mir schon sehr früh aufgefallen ist: Das Thema „Religion und die ökologische Frage“, zugespitzt vielleicht in der Diskussion um das Anthropozän, ist fast nicht vorhanden, obwohl ich z.B. vor Kurzem gesehen habe, dass sich die Geographie etwa auf der Homepage der Uni Freiburg weiterhin als „Nahtstelle zwischen Mensch und Natur“ darstellt und hier religiöse Vor- und Einstellungen sicher eine Rolle spielen. Vor allem Physische GeographInnen scheinen eher desinteressiert an diesen Fragen zu sein. Vielleicht wäre es gut, hier an die Arbeiten des deutsch-schwedischen Theologen Sigurd Bergmann anzuschließen, der raumbezogen und interdisziplinär arbeitet und unter anderem eine Schriftenreihe „Studien zur Religion und Umwelt“ herausgibt, übrigens fast wortgleich mit einer Schriftenreihe, die Büttner gründete, nachdem er sich 1988 aus dem Arbeitskreis zurückgezogen hatte.

Der deutschsprachige Arbeitskreis hat sich teilweise überschnitten mit Aktivitäten einer informellen europäischen Gruppe von Religionsgeographen, die von 2003 bis 2019 unter dem Titel „The Changing Religious Landscape of Europe“ insgesamt elf Symposien in acht Ländern veranstaltet hat. Hier referierten KollegInnen aus 22 europäischen Ländern. Angeregt wurde dies von Hans Knippenberg in Amsterdam, Tomáš Havlíček in Prag und mir. Mit Hans Knippenberg kamen wir Mitte der 90er Jahre in Kontakt. Ich war im Zusammenhang mit meiner Habilitation über die christlichen Missionen in Zambia (GEOGRAPHIA RELIGIONUM, 3) in den AK gekommen. Die Veröffentlichung dazu wurde dann auch so etwas wie eine Religions- oder Kirchengeschichte, aber auch ein Religionsatlas dieses afrikanischen Landes. Hans schenkte mir auf dem Geographentag 1997 in Bonn ein Exemplar seines Religionsatlasses der Niederlande (Knippenberg 1992). Als ich mir ihn ansah, stellte ich fest, dass es etwas Vergleichbares für Deutschland bisher nicht gibt, und setzte mich daran es zu verfassen. 2001 konnte dann das Pendant für Deutschland erscheinen. Mittlerweile hat auch Tomáš mit MitarbeiterInnen einen entsprechenden Atlas von Tschechien herausgegeben (Havliček 2017). Internationale Verbindungen gab und gibt es auch mit der Special Group der US-amerikanischen American Association of Geographers, GORABS (Geography of Religions and Belief Systems), die nicht größer ist als unser Arbeitskreis. Der Versuch in den 1990er Jahren, eine Kommission der International Geographical Union zur Religionsgeographie zu gründen, unterstützt von Paul Claval und dem damaligen Generalsekretär Eckart Ehlers, blieb leider erfolglos.

International Colloquia on the “Changing Religious Landscape of Europe”

2003, April 2-5Heidelberg/GermanyThe changing religious landscape of Europe
2004, March 31- April 3Amsterdam/NetherlandsState/Church (Religion) relationships in Europe
2005, August 31- September 3Prague/CzechiaSecularization and Sacralization. New polarization of European religious landscape in context of globalization and European integration
2009, August 17-19Presov/SlovakiaChallenges for the geography of religion in the 21st century
2010, September 10-12Oxford/Great BritainReligion in the public domain
2011, June 16-18Lucerne/SwitzerlandRepresentation and future trends
2012, June 1/2Göttingen/GermanyReligion, space and diversity – negotiating religion in the public sphere
2013, September 6/7Kraków/PolandThe changing religious space of large cities
2015, September 4/5Zadar/CroatiaDevelopment and transformation of the religious landscape in the new European context
2016, November 4-6Lodz/PolandThe sacral landscape and remembrance in a postsecular age – churches, crosses and cemeteries
2019, June 27/28Prague/CzechiaPostsecularism in Europe: trends and regional differentiation

Weil Wissenschaft von Menschen gemacht wird, möchte ich einige Namen nennen, die für den Arbeitskreis eine wichtige Rolle gespielt haben. Manfred Büttner wurde bereits erwähnt. Er kam aus der Geographiegeschichte und hatte als auch in der Theologie Promovierter sehr breite Interessen. Gisbert Rinschede, der bis 2006 Sprecher des AK war, hat 1988 mit Manfred Büttner zusammen die bisher größte religionsgeographische Tagung in Eichstätt organisiert und ist der Autor des bisher einzigen deutschsprachigen Lehrbuchs der Religionsgeographie (Rinschede 1999). Einige Jahre lang war Anton Escher in Mainz einer der AK-Sprecher. Von den nominell noch amtierenden Sprechern blieb Edgar Wunder bis 2024 dem AK erhalten. Außer mir zog sich auch Thomas Schmitt zurück. Er hat u.a. zwei große Tagungen in Göttingen und Erlangen organisiert und ist seit 2020 Professor für Cultural Heritage und Kulturgüterschutz an der Universität Heidelberg.

Manchmal, wenn ich über meinen Beruf und meine Interessensgebiete spreche, werde ich gefragt: „Religionsgeographie – davon habe ich noch nie gehört. Gibt es das überhaupt?“ Dann sage ich meistens: „Wenn sich Menschen finden, die damit im Zusammenhang stehende Fragen interessieren und sie beantworten wollen, dann gibt es das.“ Wenn wir für frühere Tagungen Titel, Themen oder Formulierungen gesucht haben, haben wir immer wieder festgestellt, dass die Forschungsthemen und -interessen der Kolleginnen und Kollegen sehr divers sind, wie auch in der Übersicht über die behandelten Themen deutlich wurde. Das hängt sicher damit zusammen, dass es ein ausgesprochen interdisziplinäres Gebiet ist, in dem wir uns bewegen. Religionswissenschaftliche, soziologische, theologische, historische und andere Aspekte sind von Bedeutung. Die damit verbundene Herausforderung, der gleichzeitig die Chance gegenübersteht, hier neue Wege zu gehen, hat sich offenbar nicht geändert.

Zum Schluss noch einige Gedanken dazu, ob und wie man sich als WissenschaftlerIn überhaupt mit dem Phänomen Religion beschäftigen kann, die ich teilweise bereits früher geäußert habe (Henkel 2011). Ich kann mich an Gespräche mit KollegInnen erinnern, die mir bedeuteten, als es um Religionsgeographie ging, „sie seien nicht religiös“. Muss man religiös sein, um sich als WissenschaftlerIn mit Religion zu beschäftigen oder auch Religionssoziologie und Religionswissenschaft zu betreiben? Oder sollte man es gerade nicht sein, um „objektiv“ zu sein? Die länger etablierten Wissenschaften sowohl der Religionsgeschichte (oder Religionswissenschaft) als auch der Religionssoziologie sind ja, zumindest teilweise, gerade aus einer Position der Religionskritik und in der Auseinandersetzung mit der Theologie entstanden. In diese Richtung weist auch die These, die angemessene Haltung eines Wissenschaftlers bzw. einer Wissenschaftlerin, sich wissenschaftlich mit Religion zu beschäftigen, sei die des „methodologischen Agnostizismus“ und die Warnung, man müsse auf jeden Fall „krypto-theologische Konzepte“ vermeiden. Dem gegenüber steht aber, dass Jede/r, der oder die sich durch Methodenreflexion um rationale Distanz bemüht, beim Thema Religion bald mit der eigenen Herkunftsgeschichte, der Kontingenz kultureller Prägungen und der unausweichlichen Einbindung in konfessionsspezifische Traditionen konfrontiert wird. In gewisser Weise gibt es also in Sachen Religion keine neutralen BeobachterInnen, auch nicht die WissenschaftlerInnen. Kann ich bzw. sollte ich als Wissenschaftler überhaupt „objektiv“ sein? Diese Frage in diesem Rahmen auch nur annähernd angemessen zu diskutieren, sprengt ganz sicher hier den Rahmen.

Aber: Mache ich mir nicht etwas vor, wenn ich annehme, ich könne objektiv forschen? Schon die Auswahl meiner Forschungsthemen ist ja oft aus der eigenen Biographie geboren, es sind Themen, die ich für relevant halte – manchmal im Hinblick auf meine Karrierechancen, aber oft eben auch aus persönlicher Betroffenheit (anderer Art). Ich habe allerdings auch GeographenInnen getroffen, die das gerade vermeiden, weil sie Wissenschaft und „Persönliches/Privates“ streng voneinander trennen wollen. Sie müssen sich aber, so denke ich, mit dem Thema der Authentizität und Glaubwürdigkeit als Wissenschaftler beschäftigen. „Methodischer Agnostizismus“ – ich würde insoweit damit übereinstimmen, dass ich mich als Wissenschaftler bemühen muss, so weit wie möglich objektiv zu sein. Gleichzeitig müssen sie sich der eigenen Geprägtheit bewusst sein.

Aber auf jeden Fall: Nicht nur Geography matters!, sondern auch: Religion matters in Geography!

GEOGRAPHIA RELIGIONUM – Interdisziplinäre Schriftenreihe zur Religionsgeographie. Dietrich Reimer Verlag, Berlin:

Band 1: Büttner, Manfred, Karl Hoheisel, Ulrich Köpf, Gisbert Rinschede & Angelika Sievers (Hrsg.)   1985: Grundfragen der Religionsgeographie. Mit Fallstudien zum Pilgertourismus.

Band 2: Büttner, Manfred, Karl Hoheisel, Ulrich Köpf, Gisbert Rinschede & Angelika Sievers (Hrsg.) 1986: Religion und Siedlungsraum.

Band 3: Henkel, Reinhard 1989: Christian missions in Africa: a social geographical study of the impact of their activities in Zambia.

Band 4: Bhardwaj, Surinder M. & Gisbert Rinschede (eds.) 1988: Pilgrimage in world religions.

Band 5: Bhardwaj, Surinder M. & Gisbert Rinschede (eds.) 1990: Pilgrimage in the United States.

Bände 6 und 7: Rudolph, Kurt & Gisbert Rinschede (Hg.) 1989: Beiträge zur Religion-Umwelt-Forschung I + II. Tagungsbände des interdisziplinären Symposiums in Eichstätt, 5. – 8. Mai 1988.

Band 8: Bahardwaj, , Surinder M. & Gisbert Rinschede (eds.) 1990: Pilgrimage in the Old and New World.

Band 9: Vossen, Joachim 1994: Die Amischen Alter Ordnung in Lancaster County, Pennsylvania. Religions- und wirtschaftsgeographische Signifikanz einer religiösen Gruppe im Kräftefeld der amerikanischen Gesellschaft.

Band 10: Rinschede, Gisbert & Joachim Vossen (Hrsg.) 1996: Beiträge zur Religionsgeographie 1995.

Literatur

Büttner, Manfred 1998: Der Arbeitskreis „Geographie der Geisteshaltung und Religion/Umweltforschung. In: Geographie – Tradition und Fortschritt. Hrsg. Heinz Karrasch (= HGG-Journal, Heidelberger Geographische Gesellschaft, 12), 1998, 166-169.

Havliček, Tomáš, Kamila Klingorová, Jakub Lysák et al. 2017: The Atlas of Religions in Czechia. Charles University, Prague.

Henkel, Reinhard 1998: Der Arbeitskreis Religionsgeographie. In: Geographie – Tradition und Fortschritt. Hrsg. Heinz Karrasch (= HGG-Journal, Heidelberger Geographische Gesellschaft, 12), 269 – 272.

Henkel, Reinhard 2001: Atlas der Kirchen und der anderen Religionsgemeinschaften in Deutschland –  eine Religionsgeographie. Stuttgart: W. Kohlhammer.

Henkel, Reinhard 2011: Are geographers religiously unmusical? Positionalities in geographical research on religion. Erdkunde, 65(4), 389-399.

Knippenberg, Hans 1992: De Religieuze Kaart van Nederland. Omvang en geografische spreiding van de godsdienstige gezindten vanaf de Reformatie tot heden. Assen/Maastricht: Van Gorcum.

Knippenberg, Hans (ed.) 2005: The changing religious landscape of Europe. Amsterdam: Het Spinhuis.

Rinschede, Gisbert 1999: Religionsgeographie (Das Geographische Seminar). Braunschweig: Westermann.